„Was eine Freiheit schöner is wie ein Aff, is ein Luxus“, würde Tante Jolesch vermutlich sagen und sehr ernst dreinschauen. In der Tat, sogar ein Affe, auch ein sehr lausiger, würde zugeben, dass kaum etwas derartig oft verdreht, durch den Kakao gezogen, ja beinahe missbraucht, geknechtet und verhunzt worden ist wie der Begriff der Freiheit.

Anzeige
Anzeige

„Ich bin so frei“ ist ein Satz, der harmlos klingt und völlig unharmlos ist: Mit einem solchen Satz lassen sich Übergriffe aller Art halblustig einläuten. Dieses „Ich bin so frei“ markiert unter anderem das Bekenntnis dazu, frei zu sein von Respekt, Mitgefühl und sämtlicher gesellschaftlicher Übereinkunft. Apropos Mitgefühl: In einer Zeit, in der ein guter Mensch zum Schimpfwort geraten ist, braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn Machtmenschen außer Rand und Band – beispielsweise im seltsamen Fall des Elon Musk – plötzlich den größten Fehler der menschlichen Zivilisation darin entdeckt haben wollen, dass wir alle ganz einfach zu empathisch seien.

Darauf gehustet, dass die Empathie das ist, was den Menschen zum Menschen gemacht hat, und verlässlich alle Male, als sich die Menschheit von dieser Empathie abwandte, weil man meinte, man sei jetzt eben so frei und bräuchte sie nicht mehr, diese Angelegenheit in Mord, Totschlag, Grausamkeiten aller Art bis hin zu Menschenexperimenten und Genozid geendet hat. Nein, meine sehr geehrten Damen und Herren, die Empathie ist das, was uns seit Beginn die Existenz sichert. Und damit auch Freiheiten.

Das, was manchen so schwerfällt zu begreifen, ist die simple Tatsache, dass die Freiheit des Einzelnen – ja ein ebenso bewegend wichtiges Element in der Geschichte der Menschheit, deren Fehlen immer Phasen der Diktatur und des Autoritarismus markiert – nicht gegen die Empathie des Gesamten aufgewogen oder gar ausgespielt werden kann! Die Freiheit des Einzelnen ist unantastbar, aber sie endet da, wo sie andere beschädigt. Die Empathie ist überlebensnotwendig, man hat aber kein Recht, in ihrem Namen Menschen zu beschädigen: Hat man mehr Empathie mit einem Täter als mit seinem Opfer, ist im inneren Kompass schon einiges deftig schiefgelaufen.

Das Vermächtnis

„Das Vermächtnis“: Anders gleich

Wer waren wir? Wer sind wir? Wer werden wir sein? Matthew López hat mit „Das Vermächtnis“ ein kluges, berührendes, verstörendes, elegantes Drama über drei Generationen schwulen Lebens vorgelegt. Ein Wagnis in sechs Stunden. Mit Martin Niedermair und Raphael von Bargen in den Hauptrollen. Weiterlesen...

Was ist das für eine Gesellschaft ohne Empathie?

Was aber meint ein Machtmensch wie Elon Musk, wenn er die Empathie ausmerzen möchte, ja sie als Gefahr für die Zivilisation betrachtet? Was soll das für eine Gesellschaft sein, die empathielos frei sein möchte? Diese Denkweise führt direkt zu Herrenmenschen und Untermenschen, zu lebensunwertem und lebenswertem Leben, direkt in den Untergang einer humanistischen – und freien – Gesellschaftsform, in der der größte gemeinsame Nenner das Überleben aller Beteiligten ist. Die Freiheit, auf Kosten des Unterganges eines anderen zu leben, ist keine Freiheit. Sie ist ein Verschulden. Sie ist ein Verbrechen. Wir sind Menschen, seit wir in der Finsternis des steinzeitlichen Waldes zusammengerückt sind, um uns zu verteidigen.

Anzeige
Anzeige

Seit wir Götter erfanden, die uns dabei helfen sollten, zu überleben. Und wir sind freie Menschen, weil wir diesen Göttern nicht länger Rede und Antwort schulden. Das bedeutet allerdings nicht, dass unser Menschsein weiterhin gesichert ist, wenn konzentrierter Besitz und konzentrierte Macht uns vermitteln wollen, wir sollten uns gegenseitig an die Gurgel gehen, solange es ihnen opportun erscheint. Elon Musk hätte, so er die Welt tatsächlich zu einem besseren Ort und einer freieren Gesellschaft hätte machen wollen, den Welthunger beenden können. Er hat sich dazu entschlossen, lieber das empathische Geflecht, das uns verbindet, anzugreifen. Vermutlich aus der Annahme heraus, dass es günstiger ist. Er hat offensichtlich keine Ahnung, wie teuer das werden kann.