Drei Highlights aus Ihrer Zeit als musikalischer Leiter am Volkstheater?

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Die Produktion von „Die Politiker“ im Herbst 2021 war sicherlich ein Highlight, da ich die Gelegenheit hatte, mit meiner lieben alten Freundin und Mitarbeiterin Dana Schechter (Swans, Insect Ark) zusammenzuarbeiten. Wir konnten wirklich einzigartige und wunderschöne Musik kreieren und sie dann live aus gegenüberliegenden Logen im Volkstheater aufführen. Unser Soundtrack zur Inszenierung erscheint im Mai dieses Jahres als Album bei Trost Records und wir werden es im Rahmen des Showdowns am 14. Mai in der Roten Bar präsentieren.

Eine weitere außergewöhnliche und besondere Erfahrung während meiner Zeit hier war Little Annies „52 Jokers“. Kay Voges’ Unterstützung und Glaube an dieses Projekt sowie unser Koproduzent am Kampnagel, András Siebold, haben dies möglich gemacht. Nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit mit Annie war es ein Privileg, unser Konzertprogramm zu einem breiteren, multimedialen Theaterereignis ausbauen zu können, und es war großartig, Beth B und Evelyn Frantic als Mitwirkende einladen zu können.

Und schließlich meine letzte Produktion hier: „Camino Real“ mit meinen alten Freunden Calexico. Es war für uns alle, einschließlich des Publikums, eine unglaublich lustige Reise, glaube ich!

Tatsächlich gab es so viele Höhepunkte im Prozess der Musikentwicklung mit den unglaublichen Schauspieler*innen des Volkstheaters. Aber ich möchte auch die besonderen Momente erwähnen, die ich bei Dutzenden von Konzerten auf der großen Bühne und in der Roten Bar genossen habe. Um nur einige herauszupicken: Christian Marclay und Steve Beresfords Buch „Call And Response“ mit Steve und Martin Siewert aufzuführen, war eine wahre Ehre und ein besonderes Vergnügen. Ebenso die Show mit Kid Congo Powers und seinen Pink Monkey Birds und die Möglichkeit, Christeenes erste Wiener Show in einer Koproduktion mit dem Lichtkollektiv zu präsentieren.

Sind Sie mit bestimmten Erwartungen nach Wien gekommen? Haben sich die erfüllt?

Ich war seit den 90ern mit verschiedenen Bands in Wien auf Tour und hatte immer eine tolle Zeit. Gute Clubs, gutes Publikum. Dazu noch ein Besuch im Prater, tolle Nachspeisen ... Und das Wetter war immer viel besser als in Deutschland! Wien ist eine große, schöne Stadt mit einem Hauch von Kaiserlichkeit. Als Kay mich fragte, ob ich als Musikalischer Leiter nach Wien kommen möchte, arbeiteten wir gerade am Burgtheater und ich freute mich auf eine neue Erfahrung am Volkstheater. Sicherlich hat Covid unseren Start hier schwieriger gemacht als nötig, aber ich war überrascht, wie schwer es war, in dieser Stadt Fuß zu fassen. Es ist ein angenehmer Ort zum Leben und ich habe hier einige absolut wundervolle Menschen kennengelernt, aber für eine Metropole dieser Größe und dieses Rufs erwies sich Wien als ein sehr ruhiger, konservativer und, wenn ich das sagen darf, sogar provinzieller Ort.

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Gab es einen Wunsch, der unerfüllt geblieben ist?

Die darstellenden Künste sind ein Gemeinschaftsspiel, und so bleiben Träume ständig unerfüllt – aus menschlichen wie auch aus wirtschaftlichen Gründen. Alle Beteiligten bringen Ideen ein, die den Lauf der Dinge in einem endlosen Strom von Erfolgen und Misserfolgen beeinflussen. Als Kurator und Programmgestalter hätte ich mir gewünscht, einen besseren Weg zu finden, mit unserer V°T//music-Schiene eine Marke am Volkstheater zu definieren und zu etablieren. Es ist immer schwierig, denn natürlich ist das Volkstheater in erster Linie ein Sprechtheater und kein Konzertsaal, aber ich versuche immer, Veranstaltungen ans Haus zu holen, die nirgendwo anders stattfinden könnten und die auch zur Ästhetik und Denkweise der jeweiligen Spielzeit passen.

Diesbezüglich muss ich ein bestimmtes Ereignis erwähnen: Sunn O))). Als ich nach fast zwei Jahren des Versuchens endlich einen Vertrag bekam, stellte sich heraus, dass das Volkstheater baulich nicht in der Lage ist, der Lautstärke bzw. den tiefen Frequenzen der Band standzuhalten! Ich glaube, ich bin immer noch nicht darüber hinweg.

Camino Real
„Camino Real“ mit Calexico im Volkstheater. Inszeniert wurde das Stück von Anna-Sophie Mahler.

Foto: Marcel Urlaub

Gibt es eine musikalische Neuentdeckung, die Sie erwähnen möchten?

Während meiner Zeit hier hatte ich das Vergnügen Martin Siewert kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten. Ich wünschte ich hätte ihn früher kennengelernt! Er spielte bei der NESTROY Verleihung 2023  ein bisschen Jazzgitarre, was er außergewöhnlich gut macht, aber eigentlich gar nicht sein Ding ist! Er hat im Laufe der Jahre an unzähligen interessanten Projekten in praktisch jedem erdenklichen Genre gearbeitet, von seiner Band Radian über Soap and Skin bis hin zu Howe Gelb, der auch in die Rote Bar aufgetreten ist. Martin Siewert ist eine musikalische Wien-Entdeckung, die jeder machen sollte!

Ich muss auch die großartige Band aus Ebensee erwähnen, Bipolar Feminin. Ich trage ihr T-Shirt, während ich diese Antworten tippe. Ich habe sie für die Rote Bar gebucht, kurz bevor sie durch die Decke gingen, und sie hatten so eine tolle Energie. Ebensee ist in der Indie-Rock-Szene ein ziemlich bekannter Ort wegen des fantastischen Kinos Ebensee, in dem ich oft mit Firewater und Botanica gespielt habe. Die Schwester des Sängers von Bipolar Feminin ist die Managerin der Band und als wir uns trafen, erzählte sie mir, dass sie mich im Kino spielen sah, als sie 12 Jahre alt war!

Und zu guter Letzt: Beim ersten Auftritt in der Roten Bar nach Covid trat die großartige deutsche Band Gewalt auf, die ihre lokalen Freunde Fuckhead mitgebracht hatte, die nicht nur eine Performance passend zu unserem Theater gemacht hatten, sondern die Bude absolut zum Beben brachten, wie es nur wenige Bands, die ich in meinem Leben gesehen habe, geschafft haben.

Was waren die größten Herausforderungen?

Um Elvis zu zitieren: „A little less conversation, a little more action...” Die Rote Bar ist ein wunderschöner Veranstaltungsort und es ist schade, dass es die Struktur schwierig und sehr teuer macht, Konzerte zu veranstalten.

Wie geht es nun bei Ihnen weiter?

Ich verbringe gerne mehr Zeit zu Hause, wo ich ein kleines Studio habe und Musik für verschiedene Künstler in New York produziere. Neben dem Album mit Dana Schechter, das ich erwähnt habe, bringen mein alter Freund David J (Bauhaus) und ich ein Album heraus, das von Egon Schieles Leben und Kunst inspiriert ist. Wir hoffen, daraus auch ein multimediales Theaterstück machen zu können. Ich hoffe außerdem, dieses Jahr endlich ein eigenes neues Album fertigzustellen. Ich habe viele teilweise fertige Tracks, die ich während des ersten Covid-Lockdowns allein in einem Apulischen Trullo geschrieben habe. Und als eine Art Abschied und Beginn eines neuen Wiener Kapitels, freue ich mich sehr, dass Georg Weckwerth vom Tonspur Kunstverein mich gebeten hat, im MQ eine Tonspur zu erzeugen, die am 15. Juni eröffnet wird. Am selben Tag werde dort gemeinsam mit Martin Siewert und dem australischen Schlagzeuger Tony Buckein Live-Set mit „Train Songs“ spielen.

Was werden Sie an Wien vermissen?

Der Balkon meiner Wohnung im 5. Stock im 5. Bezirk. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich da draußen und las. Und der Ausblick war ein 7-stöckiges Graffiti mit der Aufschrift A M B I V A L E N Z.

Warum sollte es auch weiterhin Konzerte und Live-Musik am Volkstheater geben?

Ich finde es gut, dass Genres und Bezeichnungen nicht mehr so wichtig sind wie früher. Das Publikum möchte ausgehen und spannende, intelligente und originelle Spektakel sehen. Und ob man es Konzert, Film, Tanzstück oder Theater nennt, ist eigentlich egal. Who cares? Theater sollten deshalb vielseitig und genreübergreifend programmieren. Das Volkstheater hat wunderbare Räumlichkeiten für Konzerte. Als Rufus Wainwright hier auftrat, trat er vom Klavier weg und sang „Somewhere Over The Rainbow“ ohne Mikrofon und bemerkte dabei, wie großartig die Akustik in diesem Saal ist. Es war magisch. Ich hoffe, dass diese Magie auch weiterhin anhält.

Der Ton macht das Theaterstück

Als Musikalischer Leiter am Volkstheater hat Paul Wallfisch eine tonangebende Funktion. Diese möchte er nutzen, um die Grenzen zwischen Theater und Musik aufzulösen und das Volkstheater als Konzertlocation zu etablieren. Weiterlesen...