Martin Schläpfer: Ciao, Maestro
Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts, nimmt mit der Choreographie „Pathétique“ Abschied von Wien. Nach 30 Jahren permanenter Arbeit freut er sich auf eine Auszeit samt Hund und Büchern in seinem Haus im Tessin.

Foto: Andreas Jakwerth
Die Vermutung liegt nahe. Trotzdem ist sie falsch. Wer denkt, Martin Schläpfer wolle seinem Publikum mit der Wahl von Tschaikowskis sechster und letzter Sinfonie – der Komponist starb neun Tage nach ihrer Uraufführung – als Lebewohl an Wien subtil etwas mitteilen, irrt.
„Mir ist schon bewusst, wie man diese hochdramatische, emotional berührende ‚Pathétique‘ an Tschaikowskis endendes Leben bindet. Aber die Entscheidung für das Stück hat nichts mit meinem Fortgang zu tun, denn das solcherart zu zelebrieren, wäre einfältig und unreif. Es ist einfach grandiose Musik, allein der erste Satz ist dermaßen komplex, dass sich darin eine ganze Welt erschließt. Sie beinhaltet schöne, nahezu romantische Bezüge zum klassischen Tanz, denn Tschaikowski hat natürlich viel mit Ballett zu tun, ist im zweiten und vor allem dritten Satz aber auch streng, nach vorn schreitend, einfordernd. Das könnte man durchaus auch politisch deuten, was nicht meine Intention ist. Gerne hätte ich zu zeitgenössischer Musik kreiert, aber da sich diese kaum in den Repertoirebetrieb der Wiener Staatsoper integrieren lässt, habe ich mich für Tschaikowski entschieden – eine Musik, die das Orchester liebt und zudem fantastisch spielt.“
Der vierte Satz erinnert viele dann doch an ein Requiem. Damit wollte Martin Schläpfer instinktiv nicht aufhören, weshalb er eine Arie von Georg Friedrich Händel als Kontra- und Endpunkt setzt. „Für mich ist das eine Öffnung, eine Kriechspur hinaus“, erklärt er die ungewöhnliche Kombination, „im Raum ist dann nichts als Musik und Tanz.“
Als Choreograph realisierte er „Pathétique“ bereits 2007 für das ballettmainz.
„Die Wiener Fassung hat damit aber nicht einmal zu einem Prozent zu tun. Die Musik ist so vielschichtig und eindrucksvoll, dass man es noch x-mal versuchen könnte.“ Das habe er allerdings nicht vor. „Das wird für sehr lange Zeit meine letzte Kreation sein, vielleicht ist es sogar meine allerletzte Choreographie. Wer weiß das schon?“
Volle Entfaltung
Martin Schläpfer ist bekannt für Ballett- Triptycha, also jene dreigeteilten Abende, die er gerade anfänglich auch oft gegen Widerstände durchsetzen musste. „Ich denke, die Vorteile sind offensichtlich. Das Publikum, auch die Kritik, sieht auf diese Weise mehr Werke, das Spektrum wird also breiter. Es gibt auch gar nicht so viele abendfüllende meisterliche Ballette, wohingegen es viele ausgezeichnete kurze gibt: Arbeiten von William Forsythe über George Balanchine und Merce Cunningham bis hin zu Anne Teresa De Keersmaeker. Und wenn man diese nicht zur Aufführung bringt, zeigt man drei Viertel dieser Kunstform nicht.“
Zudem interessiere ihn das Frauenbild, das Choreographen wie die oben genannten oder auch Hans van Manen etabliert hätten. „Wenn man immer nur die hochdramatische, romantisch leidende Frau zeigt, nervt mich das. Dass dieser Zugang archetypisch tief greift und einen immer wieder berührt, ist nicht zu bestreiten, aber man kann als heute lebender Mensch Beziehungen auch anders andenken. Frauen sind nicht schwach. Dass sie bei mir häufig kraftvoll und athletisch auftreten, hat schon seinen Grund.“

Foto: Andreas Jakwerth
Welche Übereinstimmungen gibt es zwischen seiner und den beiden anderen Choreographien des Abends: George Balanchines „Divertimento Nr. 15“ und Merce Cunninghams „Summerspace“?
„Ich glaube nicht, dass diese drei Teile miteinander korrespondieren müssen. Natürlich gibt es eine Art von Gemengelage im New York der damaligen Zeit, wo Künstler wie Morton Feldman, Jackson Pollock, John Cage und Susan Sontag aufeinandertrafen. Auch Balanchine und Cunningham gehörten zu diesem Kosmos, mochten einander aber nicht. ‚Summerspace‘ ist leicht und abstrakt, sodass es mir musikalisch und tänzerisch richtig erscheint in der Mitte vor Tschaikowskis ‚Pathétique‘. Und ‚Divertimento Nr. 15‘, das am Anfang steht, ist eine meiner Lieblingsarbeiten von Balanchine.
Es ist filigran choreographiert, nie effektheischend, sehr erwachsen, nur der Sache dienend. Wie Mozarts Musik selbst, die auch nichts interpretieren oder bedeuten will – und das kann Tanz eben auch sein.“
Längere Nachdenkpause
Martin Schläpfer hat nie ein Hehl aus seiner ambivalenten Einstellung gegenüber dem Theaterbetrieb gemacht. „Wobei diese vor allem etwas zu tun hat mit meinem persönlichen Zugang zur Öffentlichkeit, zur Chefposition und zum Künstlersein an sich. Die vergangenen fünf Jahre sind anstrengend gewesen, weil zweieinhalb davon durch Corona ausgebremst wurden.“ Und obwohl erst jetzt alles in einen Flow komme, die Häuser bei Ballettaufführungen voll seien, die Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern prosperiere, bereue er es nicht, sich schon früh gegen eine Vertragsverlängerung ausgesprochen zu haben.
„Nein“, antwortet er entschieden und lächelt dabei,„ich habe selten in meinem Leben so sehr gespürt, dass es richtig ist, was ich tue. Ich werde mir sechs Monate Zeit nehmen, um zu reflektieren, ob ich mit Ballett weitermachen möchte, und falls ja, mit wem und in welcher Form. Was ich ganz sicher weiß, ist, dass ich nie wieder Chef sein werde. Ich will mich in meiner letzten Lebensphase philosophisch mit dem Zeitgeschehen und den Menschen befassen, all das lesen, was sich angestaut hat. Literatur begeistert mich sehr, aktuell lese ich gerade Thomas Manns ‚Joseph und seine Brüder‘. Aktiv zum Schreiben komme ich aber leider kaum.“
„Ich habe selten in meinem Leben so sehr gespürt, dass es richtig ist, was ich tue.“ Martin Schläpfer, Ballettdirektor & Choreograph
Vielleicht wird er sich um das Fortbestehen seiner mehr als 80 Choreographien kümmern, aber nicht einmal das weiß er sicher.„Ich bin kein Sammler und niemand, der in der Vergangenheit lebt. Ich habe alles entsorgt, was ich während der Entstehung meiner Stücke aufgeschrieben habe. Das ganze Drumherum ist unwichtig. Es kann gut sein, dass der Wunsch zu choreographieren irgendwann wieder einmal in mir aufkeimt.
Ich hatte nie den Luxus, einfach nur Choreograph zu sein, sondern immer die Doppelbelastung durch meine Aufgaben als Ballettdirektor. Vielleicht kommt das jetzt. Dann sind möglicherweise auch die Kreationsängste, unter denen ich leide, kleiner. Vielleicht blättert das alles aber auch völlig von mir ab, und ich mache etwas ganz anderes. Ich möchte diese Auszeit wirklich nutzen, um darüber nachzudenken, und will keine voreiligen Entscheidungen treffen. Unterrichten möchte ich aber in jedem Fall.“
Tierischer Gefährte
Gesellschaft leisten wird ihm in Zukunft ein Hund, den er sich voraussichtlich im August in sein Haus im Tessin holen wird.
„Das war schon immer mein Wunsch, aber früher blieb dafür einfach kein Platz. Ich habe einen Shiba Inu ausgewählt, denn in dem Bergdorf, in dem ich wohne, dauert der Winter monatelang. Deshalb sollte es eine Rasse sein, die Schnee mag.“
Wien wird er nur in geringen Dosen erhalten bleiben.„Meine Choreographie von ‚Peter und der Wolf ‘ soll wieder in den Spielplan aufgenommen werden. Wenn das passiert, werde ich sicherlich ein paar Tage zu den Proben hierherkommen. Es wird sich auch zeigen, was Wien für mich gewesen ist, was es weiterhin ist und welche Teile davon ich vermissen werde. Da wird es garantiert einiges geben, denn es ist ja nicht so, dass ich diese Stadt nicht mögen würde.“

Foto: Andreas Jakwerth
Sie werden mir fehlen, Herr Schläpfer. Menschlich und als leidenschaftlicher Balletterklärer. „Danke, dass Sie das sagen, aber ich kann sehr schlecht mit Komplimenten umgehen. Vielleicht gelingt es mir ja auch, künftig weicher mit mir selbst zu werden.“