Großes Drama. Große Emotionen.
Christian Struppeck geht in die Verlängerung. Der Vertrag des erfolgreichen Musical-Intendanten wurde bis 2030 prolongiert. 19 Großproduktionen gehen bisher auf sein Konto. Mit „Maria Theresia – Das Musical“ macht er ab Herbst die 20 voll. Auch das ein Grund zum Feiern. Und für ein Interview.

Foto: Marcel Urlaub
Garantierte Glückszahl. In der Numerologie steht die Zahl Fünf für Freiheit und Veränderung. Im Falle von Christian Struppeck steht sie für Kontinuität, wobei der Beruf des Intendanten permanente Veränderung ohnehin impliziert. Seit 2012 füllt der gebürtige Deutsche bei den Vereinigten Bühnen Wien die Funktion des Musical-Hauptverantwortlichen aus. Und wird dies für zumindest fünf weitere Jahre oder 2.629.440 Minuten tun, denn vor kurzem wurde sein Vertrag von allen dafür zuständigen Gremien – und bei einer derart gewichtigen Entscheidung reden künstlerisch wie politisch bekanntlich einige mit – bis 2030 verlängert.
„Die Nachricht hat mich mit großer Freude, aber auch mit Demut erfüllt, denn die letzten Jahre waren eine sehr intensive Zeit voller künstlerischer Herausforderungen, die mich sicherlich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich geprägt haben“, erinnert er sich an den Moment der frohen Kunde.„13 Jahre sind eine lange Zeit, und dass ich dieses Vertrauen weitere fünf Jahre genießen darf, bedeutet mir auch deshalb viel, weil es mir die Möglichkeit gibt, unsere gemeinsame Vision für das Musical in Wien noch einmal weiterzuentwickeln.“
Der Grund, eine Vertragsverlängerung überhaupt angestrebt zu haben, liege im Gefühl, noch nicht am Ziel angekommen zu sein. „Musical ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch in der Lage, gesellschaftspolitisch relevante Themen zu verhandeln und dabei immer wieder neue künstlerische Wege zu beschreiten.“ Der Erfolg gibt Christian Struppeck recht – das Musical-Publikum in Wien wird kontinuierlich größer und vielschichtiger, die Auslastung in beiden Häusern liegt bei fast 100 Prozent. „Dennoch weiß ich, dass wir noch viele Geschichten erzählen und das Genre vorwärtsbringen können.“
Also an die Arbeit.

Foto: Ernst Kainerstorfer
Frühstarter und Dranbleiber
„Große Träume hatte ich schon immer“, räumt er freimütig ein. Einen Plan B hätte es in seiner Vita wohl kaum gegeben. Aufgewachsen in Berlin, nennt Christian Struppeck eine TV-Aufzeichnung von „My Fair Lady“ als Infektionsquelle des seither in ihm grassierenden Musical-Virus. Als Kind konzipierte er Zirkusshows, „die sich meine armen Eltern anschauen mussten“, schrieb an Disney, weil er „Mary Poppins“ zur Aufführung bringen wollte, wurde mit nur 14 Jahren Mitglied des Studios für Musical an der Musikschule Neukölln, „obwohl ich dafür deutlich zu jung war, aber auch hartnäckig genug, dessen Leiter so lange zu nerven, bis er mich genommen hat“.
Schon als 17-jähriger Schüler stand er in der „Rocky Horror Show“ auf der Bühne, im Chor damals ein gewisser Uwe Kröger, und finanzierte sich mit der Gage sein erstes Ausbildungsjahr an der Schauspielschule des Theaters an der Wien.

Foto: Deen van Meer/ VBW
Zum Schauspieler und Sänger befähigt, hielt es ihn allerdings nicht lange auf der Bühne. Bald machte er sich auch als Regisseur, Bühnenautor, Stückeentwickler und Produzent einen Namen, brachte es zum Künstlerischen Direktor und Leiter der Kreativabteilung des Musical-Riesen Stage Entertainment Deutschland und wurde 2012 als Musical-Intendant an die Vereinigten Bühnen Wien berufen. Das Konzept, große internationale Shows in Lizenz zu spielen und eigene Produktionen zu entwickeln, ging auf.
Gemeinsam mit Oscar- und Grammy-Preisträger Stephen Schwartz schrieb Christian Struppeck „Schikaneder“, in Zusammenarbeit mit Titus Hoffmann entstand das Buch zu „I Am From Austria“, aus seiner alleinigen Feder stammt der noch bis Ende Juni im Ronacher laufende Kassenschlager „Rock Me Amadeus – Das Falco Musical“.
Er brachte „Mary Poppins“ und „Mamma Mia!“ erstmalig nach Wien, setzte spektakuläre Neufassungen von „Cats“ und „Miss Saigon“, das er auch neu übersetzen ließ, auf den Spielplan, revitalisierte den VBW-Hit „Rebecca“ und ist aktuell mit Cameron Mackintoshs Neuproduktion von Andrew Lloyd Webbers „Das Phantom der Oper“ so erfolgreich, dass man den geheimnisvollen Mann mit der Maske auch 2026 noch erleben wird können. Insgesamt fallen 19 Großproduktionen und eine Vielzahl von Galas und Konzerten in seine Ära.

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Uraufführungen sind ihm ein besonderes Anliegen. „Obwohl etwas völlig Neues natürlich auch mit viel Unsicherheit verbunden ist, hat genau diese Mischung aus künstlerischem Risiko und maximalen kreativem Freiraum ihren unschlagbaren Reiz.“ Er entwickelt seit 23 Jahren Stücke und hat im Laufe der Zeit ein Gespür dafür entfaltet, was beim Publikum funktionieren könnte. „Das zählt ja auch zu meinen Aufgaben, vielleicht ist es aber auch ein spezielles Talent, jedenfalls ist die Trefferquote recht hoch.“
Man brauche als Intendant neben künstlerischen Visionen und einer gehörigen Portion Mut auch wirtschaftliches und rechtliches Verständnis sowie die Fähigkeit, große Teams zu inspirieren. „Denn an einer einzigen Show arbeiten etwa 120 Menschen, die auch mitgenommen werden müssen. Man muss Künstlerinnen und Künstlern den kreativen Raum geben, den sie brauchen, aber auch die Bedürfnisse der Zuschauerinnen und Zuschauer im Blick haben und damit in Einklang bringen. Auf jeden Fall braucht man für den Job eine unerschütterliche Liebe zu diesem Genre. Denn ein neues Musical zu kreieren, ist hart und schwierig. Das kann man nur immer wieder machen, wenn man wirklich dafür brennt.“
Die Mischung aus künstlerischem Risiko und maximalen kreativem Freiraum hat einen unschlagbaren Reiz.
Christian Struppeck, VBW-Musical-Intendant
Aufgeklärte Absolutistin
Aktuell steht Christian Struppeck demnach in Vollbrand. Denn der neueste VBW-Coup „Maria Theresia – Das Musical“ befindet sich bereits in der Umsetzungsphase. Das heißt, Buch und Musik sind weitestgehend geschrieben, Bühnen- wie Kostümbild konzipiert, das Casting ist beinahe abgeschlossen, lediglich an den letzten Details wird noch gefeilt. Nun haben Regisseur und Choreograph übernommen, es geht an die Visualisierung dessen, was vorher nur als gedankliche Leistung in diversen Köpfen vorhanden war. Schon Ende Mai soll die Besetzung bekanntgegeben werden.

Foto: Marcel Urlaub
Was hat den Intendanten an der wohl einflussreichsten Frau des 18. Jahrhunderts künstlerisch interessiert?
„Sie war, darüber sind wir uns wohl alle einig, eine Ausnahmepersönlichkeit. Klug, machtbewusst, aber auch menschlich komplex. Einerseits Reformerin, andererseits Traditionalistin, hat sie Europa geprägt. Und sie war eine große Kämpferin in einer männerdominierten Welt, musste sich von Anfang an gegen Widerstände durchsetzen, hatte eine enorme Verantwortung, kannte aber auch Zweifel und Verunsicherung. Ihre Lebensgeschichte bietet sehr viel, was ein Musical braucht: großes Drama, große Emotionen und einen Bezug zur aktuellen Zeit. Letztgenanntes ist uns ebenfalls sehr wichtig.“
Worin besteht dieser Konnex zum Hier und Heute?
„Maria Theresia hat die Unterrichtspflicht für Kinder beiderlei Geschlechts eingeführt; die erste Vergabe von Hausnummern erfolgte in ihrer Regierungszeit; sie hat das Steuersystem in einer ähnlichen Form, wie es heute noch existiert, entwickelt und Schönbrunn zur aktuellen Pracht ausgebaut. Sie hat sich, was nicht üblich war, selbst mit ihren 16 Kindern befasst, kam jung und ohne Ausbildung auf den Thron, hat es aber trotzdem geschafft, jahrzehntelang zu regieren. Das ist beeindruckend, und diese Geschichte wollen wir erzählen. Nicht als verklärte Legende, sondern in einer Art, die ihr und ihrer Vielschichtigkeit gerecht wird.“
Von der ersten Idee bis zur Premiere am 10. Oktober werden drei Jahre vergangen sein. So lange dauert es etwa, bis ein neues Stück bühnenreif ist.

Foto: Deen van Meer/ VBW
Falcos Zukunft
Was passiert eigentlich mit „Rock Me Amadeus – Das Falco Musical“, das Ende Juni auslaufen wird?
„Alle Musicals, die wir selbst entwickelt haben, sind bei VBW International im Katalog. In meine Intendanz fällt der zehnte Titel, auch das ein kleines Jubiläum. Falco war natürlich eine einzigartige Persönlichkeit, die auch international Potenzial hat. Es gibt bereits Gespräche und Pläne, aber noch keine Entscheidungen, denn man muss immer sehr genau abwägen, an wen man ein solches Projekt in welcher Form vergibt. Natürlich hoffe ich, dass am 29. Juni nicht die für immer letzte Vorstellung sein wird, aber ein definitives Ende ist bei unseren Stücken Gott sei Dank selten der Fall.“

Foto: VBW/Brinkhoff/Mogenburg
13 Jahre Wien
Christian Struppeck hält sich durch regelmäßige Gym-Besuche fit und kocht gerne, wobei seine kulinarischen Ambitionen unter der jüngsten Arbeitsbelastung ein wenig gelitten haben.
Man sagt Deutschen und Österreichern oft ein schwieriges Verhältnis nach, auch die gemeinsame Sprache wirkt mitunter trennend. Welches Verhältnis hat er also zu seiner Wahlheimat und deren Einheimischen? „Ich liebe Wien, die starke kulturelle Tradition der Stadt und das Wiener Publikum. Die Menschen hier sind Neuem gegenüber aufgeschlossen, zugleich aber auch direkt und ziemlich skeptisch. Bei ‚Rock Me Amadeus‘ gab es noch auf dem roten Teppich Stimmen, dass das ja wohl nichts werden könne. (Lacht.) Wenn den Leuten aber etwas gefällt, können sie einen Enthusiasmus entwickeln wie sonst nirgendwo. Dann macht es besonders viel Spaß, Theater zu machen.“

Foto: Deen van Meer/ VBW