„Julia ist auf dem Weg“, so die klare Ansage der Pressemitarbeiterin des Burgtheaters. Kaum hat sie den Satz ausgesprochen, kommt die Schauspielerin auch schon zur Tür herein, stellt ihr Erfrischungsgetränk auf den großen Besprechungstisch und feuert eine herzliche Begrüßung ab. Sie wirkt gelöst und gut gelaunt. Dass sie gerade von einer mehrstündigen Probe kommt, merkt man ihr kaum an.

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Darum, was es bedeutet, auf dem Weg zu sein, wird es auch etwas später im Interview gehen. Aber auch ums Weggehen, um Umwege, Roadtrips und Brotkrumen, die mögliche Wege anzeigen. Im Gespräch wird außerdem rasch klar: Julia Windischbauer hat keinerlei Interesse daran, auf geheimniskrämerische Weise Fährten auszustreuen oder sich in verbalen Umwegen zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Klarheit lautet die Devise. Dabei wechselt sie fröhlich zwischen der sogenannten Standardsprache und dem oberösterreichischen Dialekt, mit dem sie aufgewachsen ist, hin und her. Hin und weg ist man spätestens in jenem Moment, in dem die Schauspielerin plötzlich in fließendem Niederländisch loslegt. Für die Serie „Etty“, die sie im Herbst in den Niederlanden gedreht hat, hat sie sich die Sprache angeeignet, erzählt sie.

Neue Begegnungen

Doch das ist nicht die einzige große Sache, die in letzter Zeit passiert ist. Kurz vor unserem Treffen feierte ihr erster Langfilm, in dem sie auch selbst mitspielt, beim Max Ophüls Preis Premiere. Im Rahmen der Diagonale wird „Callas, Darling“ auch in Österreich zu sehen sein. „Das war schon eine ziemlich herausfordernde Sache“, hält die Schauspielerin fest und setzt nach: „Die Position der Regie und der Produktion in einer Person zu vereinen, ist etwas, was ich in dieser Form nicht mehr anstreben würde.“

Allerdings hätte sie auch stets große Lust auf Herausforderungen – „sonst wäre es ja ganz schnell fad“. Die Frage, ob Herausforderung und Überforderung untrennbar miteinander verbunden seien, quittiert sie mit einem Nicken. „Die Herausforderung ist für mich die Einladung, und die Überforderung hat mit den Steinen zu tun, die im Weg liegen. Die gilt es, zu umarmen und nicht nur wegzuräumen“, so Windischbauer. „Ich suche schon sehr nach dem Scheitern. Mit Mut bin ich bisher aber immer am weitesten gekommen.“

Eine große Portion Mut erforderte mit Sicherheit auch die Entscheidung, sich mehr und mehr aufs Filmemachen einzulassen. „Ich möchte mich nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Filmemacherin sehen. Und ich glaube, dass man sich das selbst erkämpfen muss, so wie ich damals darum gekämpft habe, von mir selbst sagen zu können, dass ich Schauspielerin bin. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass nicht mehr die Zeit ist, wo man darauf warten sollte, dass einem jemand eine Urkunde aushändigt“, sagt die Schauspielerin und Filmemacherin, die über die Laientheatergruppe, in der ihr Großvater aktiv war, zum Theater fand.

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Julia Windischbauer
„Ich suche schon sehr nach dem Scheitern. Mit Mut bin ich bisher aber immer am weitesten gekommen.“

Marcel Urlaub

Doch nun zurück zum Theater: In Antú Romero Nunes’ Inszenierung von Bertolt Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ spielt Julia Windischbauer Matti. Es ist nicht nur ihre erste berufliche Auseinandersetzung mit Brecht, sondern auch ihre erste künstlerische Begegnung mit dem mehrfach ausgezeichneten Regisseur. „Ich finde es toll, dass er uns selbst auf Fährten kommen lässt. Es gibt zwar Brotkrumen, die gestreut werden, aber ganz viel findet man selbst heraus und scheitert dabei vielleicht auch einige Male. Das finde ich viel interessanter als Zuschreibungen von außen.“

Die Verfremdung verfremden

In der Anfangsphase der Probenarbeit ging es vor allem darum, wie die Figuren zueinander stehen, wer unter wem steht und wo sie hinwollen, erzählt die Schauspielerin. Das 1948 uraufgeführte Stück handelt von einem kapitalistischen Gutsbesitzer, der immer dann zum Menschen wird, wenn er trinkt. Wie auch von seiner Beziehung zum Chauffeur Matti, der diesen Mechanismus durchschaut.

„Meistens wird der Stoff so verstanden, dass Matti die oberen Klassen vor sich her tanzen lässt. Mich interessiert aber vielmehr die Ehrfurcht, die er vor dem betrunkenen Puntila hat, und seine Hoffnung, dass er es schafft, auch in nüchternem Zustand menschlich zu handeln. Ich finde vor allem diesen emotionalen Aspekt interessant. Wie auch die Erkenntnis, dass Puntila eigentlich ein bockeinsamer Mensch ist“, so Antú Romero Nunes, den wir einige Tage zuvor im Café Sperl treffen.

„Indem wir emotional einsteigen, verfremden wir den Brecht’schen Verfremdungseffekt“, fügt er hinzu. „Ich finde es viel reizvoller, nicht nur draufzugucken, sondern gleichzeitig auch emotional involviert zu sein. Wie uns das gelingen könnte, finden wir gerade heraus.“ Er lacht. Seit 2018 hat er nicht mehr am Burgtheater gearbeitet, sei nun aber von der Pförtnerin mit einer herzlichen Umarmung begrüßt worden.

„Bis in alle Gewerke hinein herrscht an diesem Haus gerade eine tolle Energie“, hält er fest.

Julia Windischbauer
Julia Windischbauer. Die gebürtige Linzerin studierte an der Otto Falckenberg Schule in München. 2019 erhielt sie den O. E. Hasse-Preis der Akademie der Künste. Es folgten Engagements an den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Theater Berlin, den Salzburger Festspielen sowie am Burgtheater. Mit „Callas, Darling“ hat sie gerade ihren ersten Langfilm vorgestellt.

Foto: Marcel Urlaub

Keine Posen, immer Haltung

Energie ist ein gutes Stichwort, um zu unserem Treffen mit Julia Windischbauer zurückzukehren. Als lässig, jedoch niemals gelassen könnte man die Schauspielerin und ihre Herangehensweise an ihren Beruf vielleicht beschreiben. In der Jury-Begründung für den O.E.Hasse- Preis hieß es unter anderem: „Keine Posen, immer Haltung.“ Über ihr zweites Filmprojekt möchte sie noch nicht zu viel verraten. Außer: „Es geht ums Spielen. Und darum, dass man irgendwann erwachsen geworden ist und man sich nun vielleicht dazu zwingen muss, zu spielen.“ Für ihren eigenen Alltag wünscht sie sich, dass es diese spielerischen Momente immer geben wird.

„Ich bin auch vom Wesen her so. Wenn ich nicht gerade in einer Interviewsituation bin“, fügt sie lachend hinzu.

Auch mit dem für seine spielfreudigen Abende bekannten Regisseur sprechen wir über die Bedeutung des Spiels.

„Ich glaube, dass der Mensch nicht ohne das Spiel sein kann“, sagt Antú Romero Nunes, der sich bewusst ist, dass eine solche Frage schnell zu Pathos führen kann. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, zu ergänzen: „Einer der furchtbaren Aspekte von rechten Positionen ist ja, dass sie oft sagen: Das, was du siehst, muss es auch sein. Die Dinge sind jedoch nie so, wie sie aussehen, sondern häufig irrational. Doch das muss uns nicht bedrohen. Spiel und Fantasie sind für mich die einzigen Antworten. Die Sinnlosigkeit der Welt ist für mich nur auszuhalten, weil es absurderweise möglich ist, dass ich seit fünfzehn Jahren diesem Beruf nachgehen kann, der beinhaltet, dass wir uns in einem Raum versammeln und so tun, als wäre die Realität eine andere. Und uns dabei total ernst nehmen. Dazu möchte ich Rechte wie Linke und alle anderen herzlich einladen.“

Julia Windischbauer
„Ich möchte mich nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Filmemacherin sehen", so Julia Windischbauer.

Foto: Marcel Urlaub

Obwohl Komödie draufsteht, möchte Julia Windischbauer auch das Stück sehr ernst nehmen. „Außerdem finde ich es interessant, ein Stück über Klasse in einem Raum zu machen, wo man nur dann ganz nah dran ist, wenn man mehr als 60 Euro bezahlt. Das ist ein Thema, über das ich immer häufiger nachdenke. Ich liebe das Theater sehr, aber im Kino bezahlt man rund 12 Euro und ist auf allen Plätzen nah dran.“

Wir verabschieden uns, und Julia Windischbauer macht sich wieder auf den Weg. Welche spannenden Projekte diesen pflastern werden, darüber werden wir hoffentlich in ein paar Jahren sprechen. „Ich liebe 5-Jahres-Pläne, aber für mich gehört es gerade auch dazu, nicht genau zu wissen, wohin die Reise geht.“

Für uns führt sie Ende März auf jeden Fall ins Burgtheater – um Julia Windischbauer als Matti zu erleben.

Hier zu den Spielterminen von Herr Puntila und sein Knecht Matti im Burgtheater!